Kapitel III.

Für wen ist die „neue“ Josephskirche gemeint.

Den traurigen seelsorgerischen und spirituellen Zustand der Gemeinde möchte ich hier nicht beschreiben. Da ich einen Hintergrund der dynamisch wachsenden Kirche in Afrika hatte, erlebte ich bei diesem Zustand einen tiefen Schock. Auf der anderen Seite von gemeinsamen Projekten, ohne Aufbau der Gemeinde, durfte man nicht träumen.

Die alte Gemeinde

Die kleine Gruppe der treuen Gemeindeglieder, die die ganze Last des Überlebens der Gemeinde auf sich genommen haben, stand am Ende der Hoffnung. Sie meinten, dass die Gemeinde stirbt – aber sie wollten ihr treu bleiben bis zum bitteren Ende. Als ich die Gemeinde übernahm, spürte ich, dass viele von mir die letzte Vorbereitungen auf das Begräbnis der alten, irgendwann, in der fernen Vergangenheit, berühmten Pfarrei, erwarteten. Das waren die älteren Ehepaare, die ihre Zeit nicht sparten um das Gebliebene bei den letzten Atemzügen zu erhalten. Das waren die Witwen und Witwer die noch hofften, das doch etwas passiert.

Diese Senioren der Gemeinde waren die ersten die dem neuen Konzept der Gemeinde und mir das Vertrauen schenkten und unterstützten bis zum letzten Moment. Sie haben von mir erhofft, dass ich die Gemeinde so erneuere dass sie wiederum zum Anziehungspunkt für ihre Kinder und Enkelkinder wird. Diese Menschen haben viel im Leben erlebt und gelitten. Am Ende sahen sie die verlassene Kirche, die veränderten Lebenswerte und die zugrunde gehende Zivilisation. Manche von ihnen verloren ihre Heimat und als Vertriebene sind sie nach Bielefeld gekommen. Manche erlebten Schrecken der Zerstörung der Stadt und der Josephskirche im Jahre 1944. Viele von ihnen haben gemeinsam mit Pfarrer Friedrich Mittrop, mit eigenen Händen in der Zeit der Armut diese Kirche aus Schutt und Asche aufgebaut. Sie haben mich akzeptiert und mein Anliegen ohne Unterbrechung mit Gebet, Ermutigung und mit ständigen, kleinen Spenden unterstützt. So, das war der Kern der Gemeinde. Aus Liebe und Verständnis zu diesen Menschen wollte ich ihre Erwartungen erfüllen.

Die neue Bevölkerung

Mein zweites Ziel war, das was als „Schandfleck“ in der Stadtmitte galt, sollte eine attraktive, einladende, herausfordernde „City-Kirche“ werden, als Wahrzeichen der dynamischen Gegenwart der katholischen Christen, mitten in einer bunten, multikulturellen Bevölkerung dieses Stadtteils. Als ehemaliger Missionar wusste ich, dass es geht. Das Potential war vorhanden: Die ausländischen Missionen nämlich, die ihre Heimat in der St. Josephkirche fanden.

Wir fangen mit der genauen Untersuchung der „menschlichen Ressourcen“ in der Gemeinde an. Es wurde festgestellt, dass die Gemeinde von der ganzen Menge der bewussten und praktizierenden Katholiken bewohnt wird. Die Zahl der Gottesdienstbesucher kam auf ca. 800-850 Menschen. Die verteilten sich auf mehrere mehrsprachige Gottesdienste. Nach einiger Zeit wuchs die Zahl der Gottesdienstbesucher während der hl. Messe in der deutschen Sprache von 80-90 auf 220 – 300. Die Kroatische Gemeinde besuchte regelmäßig ca. 600-650 Menschen, die tamilische Gemeinde, je nach Sonntag 40-70, die spanische 60-90 und die ungarische Gemeinde ca. 50 Besucher. Dazu gehörte noch die Gruppe der s.g. „Spätaussiedler“, die im Laufe der Zeit das Gefühl der vollständigen Zugehörigkeit zu der Gemeinde gewonnen haben.

Das war ein Potential, das war ein Schatz. So wie damals in Sambia. Da gab es keinen Gottesdienst ohne Vertreter der mindestens drei verschienenen Sprachen: im Lande wo wir alle beteiligt waren, eine Nation aus 72 verschiedenen Stämmen zu bauen ohne die Menschen zum Verzicht auf ihre eigene Identität und Kultur zu zwingen. So wuchs eine kulturell und christlich starke Nation. Nur ein Volk, das seine Identität verliert oder verloren hat, hat Angst vor der Begegnung mit anderen Welten.

Die Entwicklung der Gemeinsamkeiten all dieser Gemeinschaften in St. Joseph wurde später als Erfolgsgeschichte im Diözesan Pastoralrat des Erzbistums Paderborn dargestellt und in der Kirchenzeitung „Der DOM“ beschrieben (siehe: Anhang). Jedenfalls war es immer mein Stolz, bei allen großen Feierlichkeiten der Gemeinde zusammen mit den ausländischen Seelsorgern an einem Altar zu stehen und mit der bunten Gemeinschaft um den Altar einen Gottesdienst zu feiern. So wurde die globale (katholische) Kirche in der kleinen Stadtmitte in Bielefeld lebendig erfahren.

Die Suchenden

Die Tatsache, dass mehr als 2000 Katholiken, die zu der Josephgemeinde gehören, gar keine oder nur sehr lose Bindungen an die Gemeinde haben, darf nicht übersehen werden. Manche sind auf der Suche, manche wurden zu Opfern der Entkirchlichung und Säkularisierung des gesellschaftlichen und individuellen Lebens, manche tragen im Bewusstsein alte und überholte Klischees und viele leiden an sehr mangelhaften religiösen Informationen. Viele, sehr viele junge Menschen haben die Kirche in die Schublade gesteckt, zusammen mit den Erinnerungen an die ferne Vergangenheit der Familie und des Landes. Sie gehört nicht mehr zum Heute und schon gar nicht zum Morgen. Das sind die, die im Bereich der Entwicklung des Geistlichen stehen geblieben sind. Bei zahlreichen Hausbesuchen und Gesprächen mit diesen Menschen habe ich festgestellt, dass alles was zum Wesen der Gemeinde gehört einladend, harmonisch und modern gestalten werden muss, damit das ungerechte Argument, dass die Kirche dunkel und veraltet ist und nur der Vergangenheit gehört, keine Begründung mehr findet.

Für diese Gemeindeglieder ist die neugestaltete St. Josephskirche als Einladung und Herausforderung gedacht.

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