Kapitel II.

Geschichte

Die St. Josephkirche, deren Bau 1908 begann, wurde im Jugendstil reich und geschmacksvoll gestaltet, in einem Stil, der dem Geist und der Frömmigkeit der Zeit um die Jahrhundertwende entsprach - „modern“, der Zeit entsprechend. Und so haben sich die Bielefelder des neuen Stadtteils (bis heute „Bielefeld 1900“ genannt) aufgemacht, eine zeitgenössische Kirche aufzubauen. Der schöpferischen Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Die Vorfahren gingen sogar so weit, dass sie einen Turm konstruieren, der keinen gleichen hatte und hat: Die Spitze des Turmes stellt ein ostwestfälisches Bauernhaus dar. Eine fantasievolle Platzierung der Kirche direkt im Leben der Menschen.

Dann kam der Krieg. Der dunkelste Tag für Bielefeld war das Bombardement am 30. September 1944, an dem unzählige Menschen Opfer der Bomben wurden. (Zum Gedenken der Bombenopfer feiert die Josephsgemeinde jedes Jahr am diesen Tage eine hl. Messe). Am 30.09.1944 wurde auch die Josephskirche zerstört. Nach dem die Bomber nach Nordwesten zurück flogen blieben nur Schutt und Asche.

Zehn Jahre dauerte der Wiederaufbau der St. Josephskirche. Die Bielefelder dieses Stadtteils haben wiederum fantasievoll und mit den damals vorhandenen Mitteln eine für diese Zeiten „moderne“ Kirche gestaltet – mit allen Elementen, die die damaligen liturgischen Vorgaben der Kirche verlangten. Das Ergebnis war bis vor kurzem noch vorhanden - eine Josephskirche, die in keinem Detail an den Stil der Vergangenheit erinnerte. Die engagierten Gemeindeglieder, die damals die Josephskirche unter unglaublicher Anstrengung und mit großer Opferbereitschaft aufgebaut und neu gestaltet haben, waren für uns eine Herausforderung und Beispiel, als wir vor der Aufgabe der Renovierung und Anpassung der Josephskirche standen.

1991 - Zustand der Josephskirche Kirche
(Trotz all dem übernehme ich diese Gemeinde)

Der Altarraum

Als ich 1991 die Leitung der Josephsgemeinde übernahm, sagten mir die vorherigen Seelsorger, dass die existierende liturgische Ausstattung der Kirche nur ein Provisorium sei. Diese Information war eigentlich überflüssig. Ein Blick in den Altarraum zwang den Besucher zur traurigen und erschreckenden Nachdenklichkeit. Fast dreißig Jahre nach dem Konzil keine Chance, die vollständige, erneuerte Liturgie zu feiern. Auch der Zustand der liturgischen Gegenstände war sehr dürftig. Der Abstand zwischen dem Priester und der Gemeinschaft unerträglich. Die Kommunionbänke ohne weiteren Gebrauch stellten eine unüberwindbare Grenze zwischen den Gottesdienstteilnehmern und den liturgischen Diensten dar. Zusätzlich standen zwei transportable Kanzeln im Presbyterium, die keine Berechtigung hatten. Im Hintergrund stand ein massiver Altartisch, belegt mit dünnen Marmorplatten, ein Altar, der seine Funktion längst verloren hat. Auf ihm ruhte ein massiver Tabernakel, den ein kleinerer Priester nicht ohne Hilfe einer Leiter erreichen konnte. Der massive Tabernakel diente als Stutz für ein schweres, aus Holz geschnitztes, dreiteiliges Retabel mit Szenen aus dem Leben Jesu. Bei näherer Untersuchung konnte man die Spuren der Zeit entdecken, die das Holzmaterial wesentlich beschädigt haben. Über das Retabel wiederum erhob sich ein über drei Meter hohes Kreuz und an beiden Seiten des Kreuzes standen zwei monumentale Figuren, eine von Maria, der Mutter Gottes, die andere von Maria Magdalena.

Auch wenn diese Dekorationselemente einzeln einen gewissen handwerklichen Wert darstellten, die Aufstellung der Teile aufeinander erinnerte an eine misslungene Sammlung der miteinander nicht verbundenen Holzstücke. Gleichzeitig hat die langjährige Gewöhnung an den Verstoß gegen diese fundamentalen Prinzipien der Ästhetik jegliche Initiative der Nachbesserung und Veränderung undenkbar gemacht.

Das Gebäude

In einem kurzen Telefonat am 30. April 1991 hat mich das Erzbischöfliche Generalvikariat gebeten, nach Bielefeld zu fahren, und mir die St. Josephskirche anzuschauen, danach zurückzurufen und zu bestätigen, die seelsorgerische Leitung dieser Gemeinde zu übernehmen. „In Ihren Bewerbungen für zwei Gemeinden im Ruhrgebiet baten Sie um eine Gemeinde, in der soziale Probleme existieren, wo es viele Fremden gibt und wo die Menschen nicht sehr reich sind. Wir haben etwas für Sie in Bielefeld... “ – waren die letzen Worte des Personalchefs. Noch am selben Abend fuhr ich in Begleitung von einiger Freunden aus Dortmund nach Bielefeld, um den ersten Blick auf die Kirche zu werfen.

Während meine Begleiter laut und lebhaft diskutierten und hinter meinen Rücken zynisch lächelten, stand ich schweigend und erschrocken vor der Josephskirche und atmete den Geruch des Verfaulens. Ich spürte – etwas stirbt hier oder ist schon tot. Die durch schmutzigen und fast schwarzen Ruß bedeckte Mauern, reichlich belegt mit elektrischen Leitungen, Staub und Schmutz überall, hielten meine Worte zurück. Und da vor dem Haupteingang, zur Begrüßung der Besucher, stand dieser große, mit Abfällen gefüllte Müllcontainer. Wie ich viel später erfuhr – stand er da schon seit einigen Jahren.

Ich stand vor dieser Josephskirche sprachlos – nur im Herzen fragte ich: „Gott, warum ich?“ Die folgende Nacht war für mich eine innere Folter. Ich wollte zu dieser Kirche nein sagen., Nein, das schaffst du nicht!. Und dann kam dieser innerliche Drang: „Du Gott schaffst es und ich will dein Werkzeug sein!“ ...

Am nächsten Morgen schellte ich in der Begleitung von Frau Ursula Höschen aus der Franziskus-Gemeinde in Dormund–Scharnhorst, an der Tür des Klosters der Augustiner, der Seelsorger der St. Joseph-Gemeinde. Ich war mit ihnen verabredet, um mir die Gemeinde genauer anzuschauen. Das Klosterhaus (August-Bebel-Str. 9) stellte ein trauriges Bild dar. Ich spare mir die weitere Beschreibung, um die Würde der dort damals wohnenden Menschen nicht zu verletzen. Das sollte jedoch das künftige Pfarrhaus sein! ... Wiederum ein Blick ohne Hoffnung (Monate später richtete ich in einem Raum, der baulich am gefährlichsten zu sein schien, mein Esszimmer ein. Wie ein Wunder, trotz der tiefen Risse im Mauerwerk, ist das Haus stehen geblieben und heute vom neuen Besitzer vollständig renoviert).

Dann wurde mir die Josephskirche von innen gezeigt. Ich wusste, dass ich diese Kirche nie lieben würde. Die Kirche war schmutzig bis zum Extrem, die Nässeflecken auf den Wänden machten den Schrecken noch tiefer, die kalte Dunkelheit des Raumes zwang mich am Ende aufzuhören zu Schauen – nur der Gedanke „wärest du ein Laie, kämest die nie wieder in diese Kirche“, Gedanke der hörte nie auf mich zu bedrängen. Ein Gedanke den ich später von manchen gehört habe, die sich entweder eine andere Kirche ausgesucht haben, oder auf den Gottesdienst ganz verzichtet haben.

Die Entscheidung

In einer Anekdote, die ich später von einem Priester aus Bielefeld einige Wochen hörte, hieß es, dass, als der Weihbischof zur Firmung in die Josephsgemeinde kam, er vor Kirche stand und mit Erstaunen auf und in das Gebäude hineinschaute, sich plötzlich fragend an seinen Begleiter wandte, ob er eine Granate in der Tasche habe. Wenn ja, möge er sie auf dieses Gebäude werfen und zurück nach Paderborn kehren...

Am Ende meines Besuches am 01.05.1991, als wir schon fast das damalige Kloster verlassen haben, erreichten mich noch die Worte eines der Patres, die ich nie vergaß: „Keiner wollte diese Gemeinde, so findet der Bischof einen aus Afrika, der noch nichts besseres im Leben gesehen hatte“. Ich dachte im Herzen: „Du hast noch nichts schlimmeres im Leben gesehen als St. Joseph!“

Ein Tag danach rief ich das Generalvikariat an und sagte dem Personalchef zu, diese Gemeinde zu übernehmen. In einem Satz wurde dann meine Aufgabe definiert: „Sie verkaufen bitte das alte Pfarrhaus, und vom Erlös werden Sie den Eigenanteil eines neuen, kleinen, Pfarrhauses und die Renovierung der Kirche finanzieren. Das neue Pfarrhaus wird auf dem kleinen grünen Grundstück an der Josefstrasse gebaut, und die Kirche – gucken Sie, was man damit machen kann. Ich wünsche Ihnen Gottes Segen.“ Leicht war das alles aber nur am Telefon.


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