Kapitel I.

DAS KREUZ STEHT FEST

Eine tiefere Auslegung dieser Aussage gab der Heilige Vater, Papst Johannes Paul II. in seinem Buch "Die Schwelle der Hoffnung überschreiten":

EIN GOTT DER LIEBE:
WARUM ABER SOVIEL BÖSES?

Dies sind großartige, faszinierende Perspektiven, die für die Gläubigen eine neue Bestätigung ihrer Hoffnung darstellen. Und doch können wir nicht leugnen, dass sich auch die Christen durch all die Jahrhunderte in der Stunde der PrüJohannes Paul II.fung eine qualvolle Frage gestellt haben: Wie kann man - angesichts des Leidens, der Ungerechtigkeit, der Krankheit und des Todes, die die große Weltgeschichte sowie die kleine alltägliche Geschichte eines jeden von uns zu beherrschen scheinen - weiterhin auf einen Gott vertrauen, der ein barmherziger Vater wäre, auf Gott, der - wie das Neue Testament offenbart - die Liebe selbst wäre?

Stat crux dum volvitur orbis (das Kreuz steht fest, während die Welt sich dreht). Wie ich zuvor gesagt habe, befinden wir uns im Mittelpunkt der Heilsgeschichte. Sie konnten selbstverständlich nichts auslassen, was als Quelle wiederkehrender Zweifel nicht nur hinsichtlich der Güte Gottes, sondern sogar hinsichtlich seiner Existenz gilt. Wie hat Gott nur so viele Kriege, die Konzentrationslager, den Holocaust zulassen können?

Ist der Gott, der all dies zulässt, denn wirklich noch Liebe, wie Johannes es in seinem ersten Brief verkündet? Ist er gerecht in bezug auf seine Schöpfung? Bürdet er dem Die Schwelle der Hoffnung überschreiteneinzelnen Menschen nicht zuviel Last auf? Lässt er den Menschen nicht zu sehr allein mit dieser Last, indem er ihn zu einem Leben ohne Hoffnung verurteilt? Es gibt so viele unheilbar Kranke in den Krankenhäusern, so viele behinderte Kinder, so viele Menschenleben, die vom gewöhnlichen menschlichen Glück auf der Erde völlig ausgeschlossen sind, vom Glück, das aus der Liebe, aus der Ehe, aus der Familie kommt. All dies zusammen schafft ein düsteres Bild, das in der antiken wie in der modernen Literatur Ausdruck gefunden hat. Man denke nur an Fjodor Dostojewskij, an Franz Kafka oder Albert Camus. Gott hat den Menschen als vernünftigen und freien Menschen geschaffen, und aus diesem Grunde hat er sich seinem Urteil unterworfen. Die Heilsgeschichte ist auch die Geschichte des unablässigen Urteils des Menschen über Gott. Nicht nur der Fragen, der Zweifel, sondern des wahren und tatsächlichen Urteils. Das alttestamentliche Buch Ijob ist das Paradigma dieses Urteils. Hierzu kommt das Wirken des bösen Geistes, der mit großem Scharfblick nicht nur den Menschen, sondern auch die Handlung Gottes in der Menschheitsgeschichte zu richten bereit ist. Dies wird im Buch Ijob deutlich. Scandalum Crucis (das Ärgernis des Kreuzes). In den vorhergehenden Fragen haben Sie das Problem sehr genau beschrieben: War es nötig, dass Gott seinen Sohn am Kreuz opferte, um den Menschen zu retten? Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen müssen wir uns fragen: Konnte es denn anders sein? Konnte Gott, sagen wir, sich denn angesichts allen Leidens vor der Menschheitsgeschichte anders rechtfertigen als dadurch, dass er das Kreuz Christi in den Mittelpunkt dieser Geschichte stellte? Man könnte natürlich antworten, dass Gott sich gar nicht vor dem Menschen zu rechtfertigen braucht; es reicht, dass er allmächtig ist. Unter diesem Aspekt muss alles angenommen werden, was er tut oder zulässt. Dies ist die Haltung des biblischen Ijob. Doch Gott, der nicht nur Allmacht, sondern auch Weisheit und - wiederholen wir es noch einmal - Liebe ist, hat regelrecht den Wunsch, sich vor der Geschichte des Menschen zu rechtfertigen. Er ist nicht das Absolute, das außerhalb der Welt steht und dem deshalb das menschliche Leiden gleichgültig ist. Er ist Emanuel, der „Gott-mit-uns“, ein Gott, der das Los des Menschen teilt und an seinem Schicksal teilnimmt. Hier tritt eine weitere Unzulänglichkeit, ja sogar Fehlerhaftigkeit jenes Gottesbildes ans Licht, das die Aufklarung ohne Einwände angenommen hat. Sie stellt in bezug auf das Evangelium sicherlich einen Schritt nach rückwärts dar, nicht in Richtung einer besseren Erkenntnis Gottes und der Welt, sondern in Richtung ihres Unverständnisses. Nein und noch einmal nein! Gott ist keiner, der nur außerhalb der Welt steht und zufrieden ist, der Allerweiseste und Allmächtigste zu sein. Seine Weisheit und seine Allmacht stellen sich freiwillig in den Dienst des Geschöpfes. Wenn es in der Menschheitsgeschichte das Leiden gibt, so wird verständlich, warum sich seine Allmacht durch das Kreuz mit der Allmacht der Erniedrigung offenbart hat. Das Ärgernis des Kreuzes bleibt der Schlüssel zur Deutung des großen Geheimnisses des Leidens, das auf so organische Weise zur Menschheitsgeschichte gehört. Hierin sind sich sogar die zeitgenössischen Kritiker des Christentums einig. Auch sie sehen ein, dass der gekreuzigte Christus ein Beweis der Solidarität Gottes mit dem leidenden Menschen ist. Gott stellt sich auf die Seite des Menschen. Er geht bis zum Äußersten: »Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave... und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz« (Phil 2,7-8). Alles ist hierin enthalten: alles persönliche und alles gemeinschaftliche Leid, das von Naturkräften verursachte und das vom freien menschlichen Willen hervorgerufene Leiden, Kriege, die Gulags und die Holocauste: der Holocaust der Juden, aber beispielsweise auch der Holocaust der schwarzafrikanischen Sklaven.


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