Anhang

Pfarrer Stanislaw Walczak
Aus dem Artikel von Waltraud- Sax Demuth, Westfalen Blatt, 27.-28. Juni 1998.)

Er war das vierte von fünf Kindern einer strenggläubigen Familie, für die auch unter dem kommunistischen Regime der gemeinsame sonntäglicher Kirchgang eine Selbstverständlichkeit war. Auch der jüngere Bruder wurde Priester, kam ebenfalls nach Deutschland und ist heute Gefängnisseelsorger in Iserlohn und Schwerte.

Als Stanislaus Walczak 1973 durch den Bischof von Kattowitz, heute Katowice, zum Priester geweiht wurde, standen für den ihn seine Zukunftspläne bereits fest: Er würde mit Zustimmung seines Bischofs einer Bitte des Erzbischofs von Lusaka im afrikanischen Sambia folgen, um hier den Aufbau von einheimischen Klerus und Verstärkung der einheimischen Hierarchie zu fördern. Sambia ist zu 50 Prozent christlich, etwa die Hälfte ist katholisch. 16 Jahre ist Walczak in Afrika geblieben.

Der verhältnismäßig hohe Bildungsstand in diesem afrikanischen Land geht auf die Mission der Jesuiten und Weißen Vätern zurück, die sich eine ganzheitliche Entwicklung der Menschen und des Landes zum Ziel gesetzt hatten . "Alles, was ich heute an Erfahrungen in mir habe, verdanke ich Afrika", sagt der Pfarrer. "Es waren tiefe und positive Jahre mit einer ebenso erlebten Kirche - aber das kann man nicht verpflanzen, das ist eine andere Kultur. Die afrikanische Kirche braucht auch keine europäische Kultur, sondern die Entdeckung des Positiven in der eigenen Kultur."

Er hat sich dann von Afrika gelöst und kam nach einem Jahr in Dortmund 1991 in die Bielefelder Gemeinde St. Joseph. Es ist keine Gemeinde im traditionellen Sinn. Aussiedler und Ausländer, soziale Probleme machen es schwer, hier Gemeinsamkeit von Gesellschaft und Kirche zu entdecken und zu entwickeln...

"Die Kirche in Europa ist eine leidende Kirche", sagt er. "Sie hat zwar keinen sichtbaren Feind, dafür aber einen unsichtbaren in der gesamtgesellschaftlichen Situation." Und doch ist er zuversichtlich: "Ich bin Gott dankbar für diese Kirche, in die ich hineingeboren wurde." Vielleicht ist im Blick auf die Weltkirche eine "Mission für Europa" nötig. Sie könnte zu einer neuen Kultur aus dem Reichtum des christlichen Geistes führen, denn "eine Milliarde Katholiken auf der Welt sind doch eine geistliche Kraft!"

DER DOM
(1998)

St. Joseph: Viele Nationalitäten unter einem Kirchdach

BIELEFELD. Spanier: drei Prozent, Polen: vier Prozent, Kroaten: fünf Prozent, Italiener: sieben Prozent, Bosnier: Drei Prozent, andere: fünf Prozent, Deutsche: 73 Prozent. Ganz normale Bevölkerungszahlen in einer ganz normalen deutschen Großstadt - jedenfalls auf den ersten Blick. Bei dieser Zahlenkolonne handelt es sich allerdings nicht um eine Bevölkerungsstatistik einer Stadt oder eines Stadtteils, sondern um die Zusammensetzung der Pfarrgemeinde St. Joseph in Bielefeld-Stadtmitte.

Von den rund 3.000 Gemeindemitgliedern gehören heute genau 621 anderen Nationalitäten als der deutschen an und bilden damit etwa ein Viertel der gesamten Gemeinde. Der Grund für die „bunte Mischung“ unter den Gläubigen der Gemeinde liegt in einem tiefgreifenden sozialen Veränderungsprozess, der sich schrittweise in den letzten Jahren vollzogen hat. Immer mehr Einheimische verließen die Innenbezirke. An ihre Stelle traten ausländische Zuwanderer aus vielen Nationen. Ein Grund dafür: Der billige Wohnraum, denn in diesem Stadtteil gibt es überdurchschnittlich viele Sozialwohnungen.

„Menschen, die unterwegs waren oder es immer noch sind“, nennt Stanislaus Walczak, der Pfarrer der Gemeinde, die Menschen, die in seiner Gemeinde langfristig oder „auf Zeit“ eine neue Heimat gefunden haben haben. Vor sechs Jahren hat er die Pfarrei St. Joseph übernommen. „Damals auf den ersten Blick eine sterbende Gemeinde“, erinnert er sich. Doch mit diesem Prozess wollte sich der Geistliche nicht abfinden: „Wir haben die sozialen Strukturen studiert und dabei gemerkt, dass diese Gemeinde nicht stirbt, sondern dass hier einfach sehr viele neue Bevölkerungsgruppen aus vielen Nationen sesshaft geworden sind, Menschen, die ihre Wurzeln nicht in Deutschland haben.“

Menschen, die nach Walczaks Meinung ein Anrecht darauf haben, ihren Platz in der Kirchengemeinde zu finden. Schließlich dürfe sich das nicht danach richten, woher jemand komme. „Diese multinationale Gemeinde war wohl der Wille Gottes“, so die Meinung des Pfarrers.

Pfarrer Walczak: 17 Jahre Tätigkeit als Missionar

Wie man sich als Ausländer in einem fremden Land fühlt, kann der aus Oberschlesien stammende Priester selbst gut nachvollziehen. Er war 17 Jahre lang als Missionar in vielen Teilen der Welt tätig. Neben seinen Erfahrungen mit fremden Kulturen hat er nicht zuletzt viele Sprachkenntnisse in dieser Zeit gewonnen: Er spricht Deutsch, Polnisch, Russisch, Englisch und die Bantu-Sprache. „Die Josephsgemeinde hier in Bielefeld war meine erste selbständige Stelle in Europa. Meine Erfahrungen, die ich als Missionar gesammelt habe, haben mir sicherlich geholfen, mich in die Lage unserer ausländischen Gemeindemitglieder zu versetzen.“

Regelmäßige Gottesdienste in der jeweiligen Muttersprache

Die Frage der Sprache ist für den Geistlichen in diesem Zusammenhang sehr wichtig: „Jeder sollte sich so vor Gott ausdrücken können, wie er es am besten kann.“ Deshalb laufen in der Gemeinde viele Gottesdienste mehrsprachig ab: Da wird beispielsweise - wie im Ostergottesdienst in diesem Jahr die Erneuerung des Taufversprechens dreisprachig vorgenommen. Weil die Muttersprache nach Ansicht von Stanislaus Walczak so bedeutend ist, kann er auch nicht ganz verstehen, dass die ausländischen Missionen im Erzbistum abgeschafft werden sollen.

Die kroatischen und spanischen Gemeindemitglieder treffen sich regelmäßig mit ihren Pfarrern, um den Gottesdienst in der Muttersprache zu halten. Für die 120 Italiener der Gemeinde, die nach Walczaks Erfahrungen „sehr aktiv“ sind, gibt es aber keinen eigenen Pfarrer. Aber nicht nur die Italiener, nach Walczaks Erfahrung sind eigentlich alle ausländischen Gemeindemitglieder überaus rege. Das äußert sich nicht zuletzt in den Kirchenbesucherzahlen der Josephsgemeinde: Die Rate liegt am Sonntag bei rund 30 Prozent und damit deutlich über dem Durchschnitt.

Die kulturellen Werte aller Völkergruppen der Gemeinde haben deshalb viel Platz in den internationalen Gottesdiensten, weil man die Menschen nicht zwingen dürfe, nur dann Christ sein zu können, wenn sie „Europäer werden“. Stanislaus Walczak: „Wir dürfen diese uns manchmal auch etwas fremdartig scheinenden kulturellen Werte und Traditionen anderer Nationen nicht ersticken.“ Wie vielfältig sich dies äußern kann, wird etwa dann deutlich, wenn ein tamilisches Mädchen in einem Gottesdienst das „Vater unser“ tänzerisch ausdrückt.

Josephsgemeinde: Auch im Internet zu finden

Dafür, dass auch andere kulturelle (und hier ganz besonders die kulinarischen!) Werte der verschiedenen Nationalitäten in der Gemeinde ihren Ausdruck finden, sorgt einmal im Jahr das internationale Gemeindefest. Dann duftet es rund um die Kirche nach Spaghetti, Pitta, tamilischen Reisgerichten, ungarisch Gulasch oder Bratwurst. Trachtengruppen führen Volkstänze aus der Heimat vor. Da das Motto des Festes in diesem „Singet dem Herrn alle Völker und Rassen“ lautete, kam auch der gemeinsame Gesang nicht zu kurz.

Seit einiger Zeit ist die Gemeinde auch im Internet zu finden (Adresse: members.aol.com/stwalczak/katgem/jos.html). Berührungsängste mit den oft verteufelten neuen Medien gibt es so gut wie keine in St. Joseph: „Wir müssen uns der Mitteilungsmöglichkeiten der Zeit bedienen, um Gottes Wort zu verkünden.“

In einer Ära allgegenwärtiger Umbrüche ist es nach Meinung des Pfarrers besonders wichtig, „das Ohr am Puls der Zeit zu haben“, um auf sich verändernde Dinge reagieren zu können. Das kann schon damit beginnen, dass man zum Beispiel bei der zeitlichen Abfolge der Sonntagsgottesdienst darauf eingeht. Pfarrer Walczak: „Viele feiern am Samstag abend und schlafen sich am Sonntag aus, warum also nicht eine Messe am Sonntagabend anbieten?“ Frei nach dem Motto: „Jesus Christus ist für jede Kultur da, auch und besonders für die, die sich gerade entwickelt.“ In dieser Beziehung ist sich der Pfarrer der Bielefelder Gemeinde St. Joseph absolut sicher.

Andreas Wiedenhaus

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